Diversität muss vom Rand- zum Zukunftsthema werden

wolf-maierExpertenbeitrag Franz Wolf-Maier
Österreich ist ein Land, das seiner Bevölkerung eine umfassende Versorgung mit Angeboten der öffentlichen Daseinsvorsorge bietet. Ob Bildung und Verkehr, ob Absicherung bei Krankheit und Alter – Österreich ist auch im europäischen Vergleich in der Spitzengruppe.

Die aktuelle Debatte zur Daseinsvorsorge dreht sich um Herausforderungen wie Liberalisierung und Wettbewerb mit Privaten. Das ist aus Perspektive der Effizienzsteigerung und nachhaltigen Finanzierbarkeit der öffentlichen Dienstleistungen zweifellos zu begrüßen. Doch zugleich müssen wir achtgeben, dass dabei ein anderes Ziel nicht aus den Augen verloren wird: die Anpassung an die neue Vielfalt unserer Gesellschaft.

Ein Beispiel: In den nächsten Jahren wird die Mehrheit der Gastarbeiter/innen der 1960er und 70er Jahre in Pension gehen. Das Altern dieser Bevölkerungsgruppe – immerhin mehrere Hunderttausend Personen – wird sowohl das Pensions- als auch das Gesundheits- und Pflegesystem vor neue Anforderungen stellen. Denken Sie etwa an die weltweit unterschiedliche Art und Weise, wie über Krankheit und Schmerzen gesprochen wird, oder an die Frage einer kulturell sensiblen Altenpflege.

Auf Herausforderungen wie diese müssen die Sektoren der Daseinsvorsorge sich einstellen. Die Politik muss bei der Gestaltung von Liberalisierungsprozessen darauf achten, dass die Interessen von Frauen, Migrant/innen, Pensionist/innen und anderen Gruppen gewahrt werden. Wettbewerb ist gut, darf jedoch nicht auf ihre Kosten gehen.

Langfristiges Ziel ist es, dass die Rücksicht auf die Vielfalt unserer Gesellschaft zum Normalfall wird. Denn letztlich gehören wir alle in der einen oder anderen Form zu gesellschaftlichen Gruppen, die für sich allein Minderheiten darstellen. Die Dienstleister der Daseinsvorsorge – ob öffentlich oder privat – sind aufgefordert, diese Perspektive zum Grundprinzip ihrer Arbeit zu machen.

Diese Herausforderung kann, ernsthaftes Engagement vorausgesetzt, zur Chance werden: Für den privaten Dienstleister ist “Diversität” eine Frage der Kundenfreundlichkeit – und verspricht damit mehr Erfolg. Der öffentliche Sektor wiederum trägt mit entsprechenden Maßnahmen dazu bei, Vielfalt als Teil der österreichischen Identität zu verankern. Diese Bereicherung unseres nationalen Selbstverständnisses macht Gesellschaft und Wirtschaft fit für die Herausforderungen einer zunehmend globalisierten Welt. Kurzum: Diversität muss vom Rand- zum Zukunftsthema werden.

Mag. Franz Wolf-Maier
Geschäftsführer, Österreichischer Integrationsfonds (ÖIF)